Files
Grenzland-Zine/issue04/echtzeit
Laurens Kils-Hütten ef3adc4632 Ausgabe 4 fast fertig
2024-09-21 20:44:28 +02:00

155 lines
6.4 KiB
Plaintext

.H1
Echtzeit
.de gary
.IP \fIgary:\fR 7
..
.de alex
.IP \fIalex:\fR
..
.de lkh
.IP \fIlkh:\fR
..
.PP
\fIZwei Spielleiter aus dem 21. Jahrhundert sitzen am frühen Nachmittag
in einer Taverne am Ufer des großen Nyr Dyv. Ein Herr mit Hawaii-Hemd
kommt herein, setzt sich dazu, lauscht, und beginnt bedächtig eine Pfeife
zu schmauchen ...\fR
.gary
Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit, in bestimmten Kreisen
viel über das Spiel in Echtzeit, oder in 1:1-Zeit debattiert wird.
Das freut mich natürlich sehr, aber was denkt Ihr ist der Vorteil vom
Spiel in Echtzeit?
.lkh
Ich denke das Spiel in Echtzeit gibt den Entwicklungen in einer
Kampagne eine natürliche Struktur. Die Ereignisse fühlen sich in
gewisser Weise echter an. Wenn eine Spielerin sagt, ihr Charakter
ginge auf eine zweiwöchige Reise, und die Ankunft wird dann erst
echte zwei Wochen später ausgespielt, begleitet die Fantasie des
reisenden Charakters die Spielerin für die nächsten zwei Wochen. Ich
glaube, dass das sehr zur Immersion beitragen kann.
.alex
Spielt man mit Echtzeit, verstehen alle, wann Spielfiguren wieder
zurück sind. Wenn Spielfiguren mit einer anderen Spielleitung auf
Abenteuer sind, wenn Spielfiguren auf Reisen sind, wenn Spielfiguren
Zaubersprüche erforschen oder sonstige, langfristige Pläne haben, dann
bietet es sich an, das Spiel in Echtzeit zu führen.
.gary
Könnt Ihr das genauer erklären?
.lkh
Angenommen ein Charakter möchte eine Seereise antreten, hat aber kein
Schiff und keine Crew. Möglicherweise hat er noch nicht einmal genug
Geld um Schiff und Crew zu bezahlen. In der laufenden Spielsitzung
könnte vielleicht noch ausgespielt werden, wie er ein
reparaturbedürftiges Schiff findet. Er handelt einen Preis für die
Reparatur aus, und gibt diese in Auftrag. Voraussichtlich wird sein
Schiff in vier Wochen reisefertig sein. Der Spieler erklärt, dass sein
Charakter sich in diesen vier Wochen bemüht, eine Crew zusammen zu
trommeln und vielleicht auch noch etwas Geld zu verdienen, um alles
bezahlen zu können. Man könnte das alles abstrakt abhandeln, aber wenn
es in Echtzeit ausgespielt wird, ergeben sich ein paar interessante
Optionen: die Zwischenzeit wird zu einem interessanten Aktionsraum:
vielleicht unternimmt der Charakter noch einen Exkursion in einen
Dungeon um schnell ausreichend Geld heran zu schaffen, um seine
Expedition zu bezahlen. Außerdem hat der Spieler jetzt reichlich Zeit,
um seine Crew auszugestalten, und die Spielleitung hat mehrere Wochen
Zeit um Begegnungen für die Seereise vorzubereiten. Das macht das
Spiel immersiv und dynamisch.
.gary
Und du bist gleicher Meinung?
.alex
Es kann oft vorkommen, dass Spielfiguren beschäftigt sind und trotzdem
ein Spiel angesagt ist. Man kann dies sehr einfach regeln und sagen,
wir ignorieren das. So verpasst man aber das Gefühl, dass Reisen,
Feldzüge, Genesung, die Erforschung von neuen Sprüchen oder das
Erschaffen von magischen Gegenständen Zeit brauchen.
.IP
Wenn diese langen Zeitspannen Teil vom Spiel sein sollen, gibt es zwei
Möglichkeiten: Man führt einen Kalender für die Spielwelt oder man
spielt in Echtzeit.
.gary
Hm ... ein Kalender ... aber das ist noch ein zusätzliches Spielelement,
oder?
.alex
Klar, die verwendung eines Kalenders für die Spielwelt kann
inspirierend sein. Ein Kalender bietet neue Namen für Wochentage und
Monate, neue Jahreszahlen, Platz für lokale Feste und Heilige.
.lkh
Die Grenzland-Kampagne hatte früher einen komplizierten
Fantasy-Kalender mit zwei Monden und unterschiedlich langen Monaten.
Das hat sich nicht bewährt. Zum Glück kam die Idee, den zweiten
Mond los zu werden. Dadurch hat sich alles ein bisschen verändert,
und rein zufälligerweise läuft der Grenzland-Kalender nun
im Gleichtakt mit unserem echten Alltagskalender. Der einzige
Unterschied ist, dass die Monate anders heißen, und der
Jahreswechsel im Sommer gefeiert wird.
.gary
Und Nachteile hat es keine?
.alex
Leider schon, weil man nicht normale Kalender aus Papier oder die
üblichen Kalendersoftware nehmen kann. Und wenn es dann heisst, die
eine Figur ist vier Wochen beschäftigt, gibt es einen sozialen Druck,
vier Wochen vorzuspulen.
.gary
Aber du bleibst da standhaft?
.lkh
Ich hoffe die Spielerinnen der Gruppe haben in der Zwischenzeit
bemerkt, dass das Echtzeitspiel für alle am Tisch interessante
Optionen und Vorteile bieten kann.
.alex
Es fällt mir nicht leicht. Ich bin etwas konfliktscheu. Ausserdem
stört mich, dass damit das Verstreichen der Zeit Makulatur ist. Man
springt ja sowieso in die Zukunft.
.gary
Dann ist die Arbeit ja umsonst gewesen?
.alex
Ja, genau. Wenn wir uns aber vorher darauf festgelegt haben, in
Echtzeit zu spielen und wir die Termine auch so eintragen, ist die
Versuchung geringer, in die Zukunft zu springen.
.gary
Wie meinst du das?
.alex
Wenn heute der 9. August ist und meine Spielfigur erforscht das Tor
der Sieben Sinne, sagt die Spielleitung vielleicht: "Gut, das dauert
vier Wochen. Am 6. September bist du bereit." Nun kann ich die anderen
am Tisch nicht mehr so einfach davon überzeugen, dass wir zum 6.
September vorspringen sollten, denn dann wäre im Spiel der 6.
September aber am Tisch wäre der 9. August.
.gary
Sehr verwirrend!
.alex
Eben! So warte ich lieber bis sowohl am Tisch als auch im Spiel der 6.
September ist und spiele bis dann eine andere Spielfigur.
.gary
Geht das denn?
.alex
Klar, wenn ein Spielabend angesagt ist und Spielfiguren gemäss
Kalender anderweitig beschäftigt sind, werden weitere Spielfiguren
erschaffen und ins Spiel gebracht.
.gary
Und das ist kein Problem?
.alex
Nein, weil das ja auch nur passiert, wenn die eigene Spielfigur lange
Reisen, Feldzüge, Forschungsprojekte und dergleichen mehr unternimmt.
So etwas kommt allmählich, genau wie die Verwendung von Gefolgsleuten.
.gary
Reden wir denn hier von den Gefolgsleuten der abwesenden Spielfiguren?
.alex
Kann so sein, muss nicht so sein. Wenn Gefolgsleute als vollwertige
Spielfiguren geführt werden, sollten sie auf alle Fälle den vollen
Anteil an Schätzen und Erfahrungspunkte erhalten.
.gary
Wir haben uns also darauf geeinigt, dass es richtig und nützlich ist,
über den Zeitverlauf einer Kampagne genau Buch zu führen?
.alex
Ja genau. Und wenn man in Echtzeit spielt, ist es total einfach, den
Zeitverlauf genau festzuhalten.
.lkh
Ich glaube, wenn man konsequent ist, dann ist es gar nicht
schwer.
Man könnte sogar sagen: "Eine sinnvolle Kampagne kann es ohne das
genaueste Festhalten des Zeitverlaufs nicht geben."
.gary
Das hätte ich nicht besser sagen können.
.Au "alex und lkh"
.ad b